Kann die Natur mithalten? 

Gersthofen soll größer werden!

Kann die Natur mithalten?

Am Feldrand. Letzte Häuserzeile der Adalbert-Stiftersiedlung im Norden. Mein Blick schweift über ein weites Feld, 230000 Quadratmeter, so stands in der Augsburger Allgemeinen, dahinter in einem Halbkreis einhundertundachtzig Grad Grün, Buschwerk oder Bäume, die das Feld begrenzen. Daran anschließend noch mehr Felder bis zum Lech. Das wogende Getreide im Sommer ein wunderbarer Anblick. An Wochenenden Spaziergänger, die auf dem Fußweg ums Feld flanieren. Manchmal verirren sich Rehe aufs Feld, wenn das Getreide schon abgeerntet ist, Hasen sowieso. Ich kanns vom Fenster aus sehen, ich wohne dort, direkt am Feldrand.

Selber Ort, drei Monate vorher, das Getreide geerntet. Ein Waldbauer aus Affaltern kommt mit seinem alten Traktor samt Anhänger auf dem Stoppelfeld und bringt Brennholz wie jedes Jahr. Nach dem Abladen unterhalten wir uns. Er beklagt ein wenig die durch den vielen Regen in diesem Sommer allzu feuchten Äcker bei seinem Heimatort. Er sieht aufs Feld und sagt, wenn wir nur solche Böden hätten.

Das Feld soll bebaut werden. Die Stadt will es so. 750 bis 900 neue Bürger seien nördlich der Adalbert-Stifter-Siedlung denkbar. Jetzt beherbergt die Siftersiedlung, flächenmäßig viel größer als das vorgesehene Neubauareal, wohl weniger als 1000 Einwohner. Eine derart massive Aufstockung verändert gewachsene Wohnstrukturen, birgt auch Risiken.

Gersthofen soll größer werden. 27000 Einwohner statt jetzt 23000. Gersthofen liegt an der B2 und der A8, Fluch und Segen zugleich. Da ist es auf der Autobahn nach München nicht weit. Denken sich wohl auch die Münchner und werden zu Konkurrenten bei der Wohnungssuche. Für wen weisen wir Gersthofer also Wohngebiete aus, versiegeln weiter Fläche, frage ich mich. Wieviele Gersthofer werden davon real profitieren? Wäre eine Vergabe denkbar, die sich nicht nur am Geldbeutel, sondern am Bedarf Gersthofer Familien orientiert? Welchen Bedarf haben wir angesichts demographischer Entwicklung einer alternden Gesellschaft wirklich? Unsicher geworden frage ich mich erneut, brauchen wir 27000 Einwohner auf Kosten weiteren Flächenverbrauchs?

Anderer Ort in Gersthofen, am Mühlängerle. Ein wirklich schönes Stück Natur im Besitz der Stadt, Naherholungsrevier zwischen Wohnbebauung und Lechkanal.

Für 900 Euro pro Quadratmeter, nichts für jedermann, da muss man viel Geld mitbringen. Tausch Grün gegen Vermögen. Für die zukünftigen Bauherren wird dann auch dieses Kleinod dem Mensch untertan gemacht. Natur hat eben kein Geld um dagegenzuhalten.

Rudi Michel