Pandemie – Vergessene Kultur

Pandemie – Vergessene Kultur

Wir wollen mit diesem Artikel die in der Pandemie vergessene Kulturbranche etwas in den Fokus rücken. Die Branche, die keine Lobby hat, liegt am Boden. Eine Branche, in der weit über 1,5 Millionen Menschen arbeiten. Das sind doppelt so viele wie in der Automobilindustrie. Ohne Corona wäre hier ein Umsatz von circa 130 Milliarden Euro gemacht worden. Aus den eigenen Reihen kommt die Forderung, dies nicht mehr einfach hinzunehmen, nicht mehr leise zu sein, sondern sich in Gewerkschaften und Verbänden gemeinschaftlich zu organisieren.

Zu diesem Thema haben wir uns mittels Videokonferenz mit dem Gersthofer Musiker Valentin Metzger unterhalten.

„Im März wurde innerhalb von 3 Stunden für mich und alle anderen Künstler das ganze Jahr „abgesagt“. Ich selbst fühlte mich wie im Auge eines Wirbelsturms, konnte die Dimension anfangs überhaupt nicht einordnen und war erstaunlich ruhig. Ich habe viel gelesen, bin Spazieren gegangen, hab alte Freunde angerufen und mich um sämtliche Hobbys gekümmert, die ich vernachlässigt hatte. Allerdings meinte ich das Ende der Pandemie wäre in Sichtweite.“, so der sichtlich ernüchterte Musiker. Danach erzählt er uns, wie er sich inzwischen persönlich mit der Pandemie arrangiert hat. Er spricht von Homeoffice und erzählt in mitreißender Art, wie er individuelle, virtuelle Anleitungen für seine Musikschüler erarbeitet, damit sie den Anschluss nicht verpassen. Er betont bescheiden: „Ich habe einfach Glück gehabt! Mich hat es nicht so hart erwischt wie viele Kollegen, da ich mehrere Standbeine habe“. Er studiert Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Musikpädagogik und arbeitet nebenbei im Rahmen des Projekts „Bläserklasse“ an der Grundschule Affing und der Realschule Bergen. Zudem unterrichtet er Trompete beim Aindlinger Musikverein und leitet das dortige Vororchester. Wenn es 2021 hoffentlich wieder möglich ist, wird er den Konzertabend „Open Stage“ im Heyzel Coffee wieder organisieren. Als er vom Sommer und den vier Konzerten erzählte, auf denen er ziemlich spontan engagiert wurde, merkte man sogar online sofort seine Leidenschaft für die Arbeit. Ein Konzert auf der Freilichtbühne, eins im Olympiastadion, das Countryfest Prad in Italien und ein kleines aber feines Konzert auf dem Brunnenplatz am Zeughaus. Hier spürte man laut Valentin Metzger, wie allen auf der Bühne und auch vor der Bühne etwas gefehlt hatte. „Kultur hat einen Stellenwert im Leben, den wir alle bisher unterschätzt haben. Konzerte sind unfassbar wichtig. Das Klatschen, die Blicke, die Stimmung – Livemusik ist durch nichts zu ersetzen. Dafür übt man, dafür schreibt man Musik.“ Während dieser Hommage an seinen Beruf lacht er auf einmal und erklärt, dass er gerade eine Pop-Up-Erinnerung in seinem Kalender bekommen hat: in einer Viertelstunde hätte er, wäreCorona nicht dazwischen gekommen, einen Aufritt in der Kantine am Königsplatz gehabt.

Auch für Valentin Metzger besteht die Problematik, dass Songs aufgenommen sind, jedoch nicht vermarket werden können und somit das Geld für neue Projekte fehlt. Aber er konnte sich nach dem Wegfall der Auftritte durch seine Lehrtätigkeit bisher über die Pandemie retten. Reinen Berufsmusikern, Tontechnikern, Bühnenbauern, Agenturen und vielen mehr wurde allerdings von einem Tag auf den anderen die gesamte Existenzgrundlage entzogen. Er verweist auf einen Artikel in der Abendzeitung über die Münchner Musikerin Julia Hornung, in dem die Problematik sehr gut auf den Punkt gebracht würde. Sie hatte sich auch verschiedene Standbeine aufgebaut, aber diese lägen alle in dem Bereich, der nicht mehr arbeiten darf. Sie musste ihre Wohnung aufgeben und ist mit 30 Jahren wieder bei den Eltern eingezogen.

Die aussichtslose Situation zehrt an vielen Psychen. Keiner konnte diese Pandemie erahnen.  An dieser Stelle plädiert Valentin Metzger ebenfalls dafür, laut zu werden und würde es befürworten, dass sich die Kulturbranche organisiert um Gehör zu finden.

(Interview: Janine Hendriks | Bild: Pascal Plangger)