„Die Stille schreit“ – Trifft den Nerv der Zeit

Als der Filmemacher Josef Pröll 2014 von Miriam Friedmann angesprochen wurde, ob er einen Film über ihre Familie drehen würde, lehnte er zuerst kategorisch ab. Nicht aus Desinteresse, sondern da er wusste was für ein Aufwand hinter einem solchen Film steht.

Heute ist er froh, dass er sich doch überzeugen ließ. Nach der völlig überfüllten Uraufführung im Januar lief der Film drei Monate im Kino und tourt nach wie vor erfolgreich als speziell gebuchte Aufführung an verschiedensten Schulen, mehrfach an der Uni an diversen Fakultäten und vor sonstigen Interessierten.

So auch am 11. April in Gersthofen bei einer vom Ortsverein
der SPD organisierten Veranstaltung. Der Film trifft den Nerv der Zeit in einem Europa, das einen so enormen Rechtsruck erfährt. Der Film beleuchtet bewusst nicht nur die Jahre zwischen 1933 und 1945, sondern stellt der Verfolgung und Ermordung geachteter Persönlichkeiten der Augsburger Stadtgeschichte, auch deren Leben vor 1933 voran und spannt durch die aktuellen Aufnahmen zudem einen perfekten Bogen in die Gegenwart. Am Beispiel der jüdischen Familien Friedmann und Oberdorfer, den Großeltern von Miriam Friedmann, wird in dem Film aufgezeigt, wie angesehene Familien um ihr Hab und Gut kamen und auch ihres Lebens beraubt wurden. Familie Oberdorfer hatte eine Schirmmanufaktur in der Maximilianstraße und die Familie Friedmann eine Wäschefabrikation am Martin-Luther-Platz beziehungsweise in der Hermannstraße. Die Familien mussten bereits sehr früh selbst akribisch ihren kompletten Hausstand, die Immobilien, sowie sonstige Wertsachen und finanzielle Rücklagen dokumentieren und den Behörden melden, damit die Kommunen im Vorfeld planen konnten, was später wo zu holen wäre. All das geschah unter dem Deckmantel einer selbstgeschaffenen, perversen Legalität. Dies gipfelte in der Tatsache, dass die Deportation nach Auschwitz selbst bezahlt werden musste. In erschreckender Weise wird bewusst, wie die jüdische Bevölkerung ihre Enteignung, Entrechtung und Vernichtung selbst organisieren musste. Noch nie gezeigte, bewegte Bilder von Aufmärschen in unserer Nachbarstadt, die uns klar machen: Nationalsozialismus gab es nicht nur in Berlin und München, sondern auch in Augsburg. Das Gegenüberstellen von altem Filmmaterial und gegenwärtigen Aufnahmen nimmt der Geschichte die Distanz, hinter der wir uns oft verstecken.

Durch den Film entsteht ein persönlicher Bezug, da die Geschichte mit Straßen und Plätzen verbunden wird, die einem bekannt und vertraut sind. Dadurch wird das Schicksal dieser Familien noch berührender, da sie in einer Stadt lebten, die auch uns in unserem täglichen Leben begleitet. Die Unmenschlichkeit wird einem in diesem Atemzug umso bewusster, da es keine Gruppe traf, die irgendwo ausgegrenzt unter sich lebte, sondern ein Teil der ehemals angesehenen städtischen Gesellschaft war.

Die Anwesenden waren sich einig: dieses hervorragend ausgearbeitete Zeitdokument muss möglichst vielen Mensche und speziell an möglichst vielen Schulen gezeigt werden.

(Janine Hendriks / Bild: privat)

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